Ich kann mich noch gut an die Leber meiner Oma erinnern. Meine Leibspeise! Sie hatte mich gerne, darum kochte sie sie immer wieder, wenn ich zu Besuch kam. Ich war ihr Lieblingsenkel und genoss so manche Privilegien. Gebratene Leber mit Kartoffeln und Bohnen. Lecker! Noch heute kommen mir gleich die Erinnerungen an damals, als ob sich in mir ein Fotoalbum öffnet. Da wurde aus einem schlechten Esser ein Gourmet!
Ich kann mich noch gut an das letzte Mal erinnern, als sie mir eine vorsetzte. Diesmal stimmte aber etwas nicht, die Leber war zu lange gebraten worden und hatte die Konsistenz einer Schuhsohle. Als Kind blieb die Verwunderung, dass die Perfektion, die meine Oma in meinen Augen zuvor immer an den Tag gelegt hatte, wenn es ums Kochen ging, ausblieb.
Damals gab es Tabus
Damals in den 80ern sprach man aber bei solchen Anzeichen nicht von Warnsignalen, jedenfalls nicht in unserer Familie. Demenz war ein Tabu, das könnte ja erblich sein oder eine Krankheit, die an Wahnsinn grenzte. Möglich, dass das Tabu als Spätfolge der Nazi-Ideologie vom unwerten Leben entstanden war oder galt es einfach nur als Peinlichkeit, über die man bloß nicht sprach? Meine Oma hat nach dieser missratenen Leber in meinem Gedächtnis nicht mehr selbst gekocht, sie ging lieber essen.
Hausmann in den 70ern? Eher selten!
Als sie später einmal bei uns anrief und wegen starker Bauchschmerzen klagte, wurde ihr Verhalten nicht als dement gesehen, sondern als kindisch. Als emotional, so sei sie eben die Omama, sie, die aus einer Laune heraus auch stante pede abreisen konnte – nach einer 10-stündigen Anfahrt mit der Bundesbahn quer durch die Republik! Die Bauchschmerzen hatte sie von ein paar Aprikosen bekommen. Auf die hätte sie Heißhunger gehabt. Ein „paar“, das waren mehr als ein Kilo. Ein Ausrutscher im Leben der Oma, die mittlerweile allein lebte, nachdem unser Opa, ihr Mann, verstorben war. Er war ein guter Hausmann gewesen, was zu seiner Zeit eher selten war. Er hatte dadurch die Ausrutscher und „Fehlfunktionen“ seiner Frau ausgleichen und lange Zeit vertuschen können.
Heute ist man offener. Gott sei Dank!
Bevor jemand endgültig geht, geht manchmal seine Gesundheit, sei es die psychische oder physische oder beides. Und dieses Stück Lebensweg kann noch ein weites sein. Gut, dass man heute zu Lebzeiten Auffälligkeiten offen anspricht, sich Hilfe holt und nicht vertuscht, was als Warnzeichen für eine aufkommende Demenz zu werten ist. Gut, dass man dafür heute nicht mehr belächelt und schikaniert wird, wenn man das Thema anschneidet, wie ich damals als unschuldiges Kind, das sich für seine geliebte Oma verantwortlich fühlte, aber in der Familie keinen Rückhalt erfuhr.